Berlin. Hauptstadt. Zentrum der deutschen, wenn nicht sogar der europäischen Start-Up-Szene. Und an diesem Wochenende auch Treffpunkt von etwa 25 Studierenden und Promovenden aus ganz Deutschland, die sich auch in ihrer Freizeit mit dem etwas nerdigen Thema "Datenanalyse" beschäftigen. Dabei hatten die meisten von uns bisher nur eine sehr vage Vorstellung, was sie erwartete. Data Science for Social Good – Datenanalyse für einen guten Zweck – hörte sich erst mal gut an. Alle Anwesenden waren jedoch auf ihre Art von der Initiative überzeugt und auch die bereits erreichte Zahl von über 200 DatenanalystInnen im neuen Netzwerk zeugt von einem starken Interesse an dem Thema. Einige hatten sich bereits am vorigen Abend getroffen, die meisten hatten sich aber noch nie gesehen und selbst Teile des Organisationsteams kannten sich bisher nur virtuell. Deshalb stand, wie am Anfang eines jeden Vernetzungstreffens, eine Vorstellungsrunde.

Was will man zu einer Vereinsgründung viel schreiben. Trockene Besprechung der Satzung, Wahl des Vorstands, alles schon Routine und DatenanalystInnen sind ja ohnehin immer total korrekt. Also waren alle um Punkt 20:00 Uhr glücklich, packten ihre Sachen und freuten sich auf den zweiten Tag.

Natürlich ist das Quatsch. Das Kennenlernspiel, natürlich mit passenden statistischen Begriffen für jedeN, offenbarte die Wellenlänge, auf der die Gruppe sich schnell einfand. Nachdem Johannes die bisherige Geschichte des Vereins und seine eigene Intention geschildert hatte, träumten wir gemeinsam von einer Welt, in der CorrelAid überflüssig wäre. In der Diskussion wurde der gemeinsame Wertekanon klar. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den ProjektpartnerInnen, Open Data und eine datenmündige Gesellschaft waren Schlüsselwörter. In den Nuancen zeigte sich aber auch die Diversität der Mitglieder, denn alle Elemente in einem einzigen Satz zu vereinen, erwies sich als schwierige Aufgabe.

In der anschließenden Mitgliederversammlung wurden die Mitgliederstruktur des Vereins, zukünftige Mitgliedsmodelle und Beitragssätze diskutiert. Ein Kernpunkt stellte eine ausufernde Debatte über die Einführung einer Frauenquote dar, allerdings nicht wie üblich erbitterte Diskussion über das für und wider: Alle waren sich vielmehr schnell einig über die Einführung einer Quote, nur die genaue Ausgestaltung und auch die Konsequenzen bei Nichterfüllung wurden umfassend diskutiert. Abschließend stand ein für alle vertretbares großartiges Zeichen: Alle Gremien bis runter in das kleinste Projektteam werden ab nächstem Jahr zu mindestens 50 Prozent mit Frauen besetzt.

.@CorrelAid beschließt 50%-Quote für alle Gremien. Starkes Signal für Geschlechtergerechtigkeit in #datascience. #WeAreCorrelAid — Arndt Leininger (@a_leininger) October 17, 2015

Als letzter Tagesordnungspunkt folgte die Wahl des Vorstands. Auch bei viel Motivation naturgemäß kein einfaches Thema. Wie groß soll der Vorstand sein? Werden verschiedene Ressorts bereits von der Mitgliederversammlung bestimmt? Will man selber, nach Berichten über den Arbeitsaufwand des aktuellen Vorstands, wirklich seine Zeit opfern? Wir beschlossen und wählten letztlich einen siebenköpfigen Vorstand, der seine Arbeit inzwischen schon erfolgreich aufgenommen hat.

MV…00:30…Aber still Fan of "the Gang" #WeAreCorrelAid — Hayfat Hamidou (@NunuShu) October 17, 2015

Damit war die Mitgliederversammlung ca. sechs Stunden nach dem planmäßigen Ende gegen 2:00 Uhr geschafft. Die Mitglieder hatten sich den Sekt redlich verdient.

Zweiter Tag: Beginn des zweiten Tages war um 10:00 Uhr. Aufgrund des etwas länger geratenen Abends und der z.T. längeren Fahrtzeiten selbst innerhalb Berlins, schaute man überwiegend in etwas müde Gesichter. Trotzdem ließ sich die Gruppe ihre gute Stimmung nicht nehmen und begrüßte einige neu hinzu gekommene Gesichter. Auf dem Plan standen die Vorstellung des Pilotprojekts und eine Einführung in die Softwareinfrastruktur von CorrelAid, darunter Slack, das Datenschutzkonzept und GutHub. Anschließend folgten einige Workshops, welche von den Mitgliedern selbst vorbereitet wurden. Für absolute Beginner wurde eine Einführung in das Programm R angeboten. Zwei weitere Gruppen beschäftigten sich außerdem mit einer Einführung in Webscraping und quantitativer Textanalyse.

Nach dem Mittagessen konnten die Mitglieder endlich das tun, was sie vermutlich am besten können: In echte Daten eintauchen. Die Petitionsplattform openpetition.de hatte freundlicherweise über 6 GB vollständig anonymisierte Daten zur Verfügung gestellt, welche z.B. Informationen zum Zeitpunkt der Unterzeichnung und zum Thema der Petition enthielten. Darüber hinaus lagen uns auch durch Webscraping selbst erhobene Daten von der Wesite vor. Nach einem kurzen Überblick über die Daten bildeten sich verschiedene Teams und entwickelten Fragestellungen zu einzelnen Aspekten. Ein Team beschäftigte sich vor allem mit dem zeitlichen Verlauf von Petitionen, ein anderes hatte schnell Ergebnisse an welchen Wochentagen und zu welcher Uhrzeit die meisten Zeichnungen stattfinden (Lösung: Dienstags).

Ganz klassisch ging es zunächst ans Bereinigen der Daten. Ein zeitaufwändiger Schritt, den auch Auftraggeber gerne unterschätzen. Durch den Raum hörte man also häufiger Kraftausdrücke, wenn man wieder eine Fehlermeldung, statt eines Ergebnisses auf dem Bildschirm erschien. Aber wie üblich gilt: Der Fehler sitzt meist vor dem Bildschirm. Nach einigen Stunden gemeinsamer Projektarbeit durften die Teams ihre Ergebnisse – sogar im Corporate Design aufbereitet– einem Mitarbeiter von openpetition.de vorstellen. Wir hatten viele Fragen aufgegriffen, die sich auch die Mitarbeiter von openpetition.de stellten und waren trotz der begrenzten Zeit schon zu tollen Ergebnissen gekommen. Vielleicht wird aus diesem Auftakt bald mehr?

Als letzter offizieller Punkt gab jeder Teilnehmer "Highlight" und sein "Lowlight" des Wochenendes Preis. Es fiel schwer, Negatives zu sagen, aber in einem Highlight waren sich aber alle einig: Die meist vollkommen fremden Menschen, mit denen man ein Wochenende intensiv zusammen gearbeitet, gelacht, gestritten und gehackt hatte.

Anschließend warfen wir uns alle gemeinsam ins Berliner Nachtleben und Berlin ist ja fast wie Las Vegas. Was dort passiert, bleibt auch dort.

Mein #wearecorrelaid-Gast ward heute morgen noch nicht gesehen. Wie hart feiert @CorrelAid denn bitte? ;) — Daniel Kirsch (@kirel) October 19, 2015

Montagabend fand dann die öffentliche Vorstellung von CorrelAid statt. Wir durften im Berliner BaseCamp zu Gast sein und hatten uns neben der eigenen Vorstellung zwei Keynote-SprecherInnen eingeladen. Benjamin Seibel von der Technologiestiftung Berlin sprach über "Data Driven Innovation" und über das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Digitalisierung. Er mahnte die Datenanalysten im Publikum aber auch, ihre eigene Arbeit immer zu hinterfragen, denn "auch Datenanalyse ist politisch." Benjamin hat anschließend übrigens hier über die Veranstaltung gebloggt. Claudia Leißner von Proboneo machte anschließend deutlich, dass ehrenamtliches Engagement keine Einbahnstraße ist, sondern auch die Freiwilligen dabei viel profitieren und so immer neue zivilgesellschaftliche Projekte anstoßen können. Zum Abschluss stellte Niklas die Ergebnisse des Pilotprojekts vor und gab den über 30 Gästen einen Einblick in die Projektarbeit bei CorrelAid.

Gleich geht’s los im @base_campberlin mit @correlaid. http://t.co/JwhRTeFFSQ #Thinkbigmitbigdata #WeAreCorrelAid pic.twitter.com/DAfVIqSC6r — Robert Schmidt (@poelsertysker) October 19, 2015

Anschließend konnten die Gäste an verschiedenen Expertentischen zu Themen wie "Moderne Datenanalyse" oder "Anwendungen von Data-for-Good" diskutieren und es wurde ganz im Berliner Stil genetzwerkt. Ein sehr gelungenes Wochenende ging damit für die Teilnehmer des ersten Netzwerkstreffens zu Ende. Alle waren nach diesem Wochenende mehr denn je davon überzeugt, dass Datenanalyse die Zivilgesellschaft einen entscheidenden Schritt weiter bringen kann. Wir können es kaum erwarten uns wiederzusehen, es bilden sich aber auch schon einige Regionalgruppen, die kleinere Veranstaltungen auf die Beine stellen werden. Falls ihr also ein gewisses Interesse an Daten habt, schaut mal vorbei und macht mit bei Datenanalyse für den guten Zweck.

tired but happy after the @CorrelAid kick off weekend. So nice to meet @a_leininger, @bern_pa, @s_haussner @NunuShu etc. #WeAreCorrelAid - Friedrike Preu (@ameisen_strasse) October 19, 2015