Wir haben die Leute nicht gefragt, wen sie bei der Bundestagswahl wählen, sondern was sie schätzen, wie die Wahl ausgeht. Die Idee dahinter nennt sich vote-expectation-model. Sie ist zwar nicht neu, aber leider wenig erforscht und birgt möglicherweise Potenzial für gute Vorhersagen. Was das Modell wirklich taugt, lässt sich natürlich erst nach der Wahl feststellen. Unsere Vorhersage(n) - und was dahinter steckt - wollen wir aber jetzt schon mal vorstellen.


Abbildung 1: Vorhersage der Bundestagswahl mit einem vote-expectation-model, Anzahl Befragte: 1009.

Was ist besonders an diesem Modell?

Unser Modell hat zwei große Vorteile. Zum einen ist es für uns relativ unwichtig, wie repräsentativ die Stichprobe ist. Sprich, es ist uns mehr oder weniger egal, ob wir mit unserer Stichprobe die Bevölkerung mit all ihren verschiedenen Merkmalen abbilden. Genau das ist das Problem bei klassischen Umfragen (z.B. der Sonntagsfrage). Lässt man Personen die Ergebnisse einer Wahl schätzen, beziehen sie die Wahlabsichten von Freunden und Bekannten mit ein. Außerdem informieren sich viele zusätzlich durch Internet, Fernsehen oder Zeitung. Am Ende erhalten wir deshalb eine repräsentative Schätzung, obwohl die Stichprobe selbst nicht repräsentativ ist.

Zum anderen setzen wir auf die Schwarmintelligenz. Die Idee dahinter ist, dass viele Vorhersagen genauer sind als eine einzelne, da sich Abweichungen gegenseitig ausgleichen (1000 Laien schätzen im Durchschnitt besser als ein Experte). Vereinfacht gesagt, gibt es für jede Person, die die CDU überschätzt, eine andere, die sie unterschätzt. So zumindest die Theorie.

Wie wir vorgegangen sind

Wir haben online etwas über 1000 Leute befragt, wie die Wahl ihrer Einschätzung nach ausgeht. Die Umfrage war zwei Wochen online und wurde einen Monat vor der Wahl geschlossen. Die Vorhersage ist dann schlicht der arithmetische Mittelwert aller eingegangen Schätzungen. Es folgt aus der oben genannten Logik der Schwarmintelligenz, dass sich Über- und Unterschätzungen ausgleichen.

Neben dem Überprüfen, wie gut dieses Vorhersagemodell ist, interessieren wir uns auch dafür, ob sich die „Vorhersagefähigkeit“ zwischen verschiedenen Gruppen unterscheidet.

Gute Schätzer, schlechte Schätzer.

Um diese „Vorhersagefähigkeit“ untersuchen zu können, haben wir in der Umfrage noch ein paar weitere Daten erhoben, anhand derer wir verschiedene Gruppen trennen können. Gefragt wurde nach einer Selbsteinschätzung des politischen Interesses und Wissens und ob man sich extra für die Schätzung informiert hat. Wir vermuten außerdem, dass die Genauigkeit der Schätzung weniger mit soziokulturellen Merkmalen zusammenhängt (bspw. Geschlecht oder Bildungsabschluss), sondern mit psychologischen Denkmustern. Dafür haben wir verschiedene psychologische Skalen zur Messung von Dogmatismus, geistiger Geschlossenheit und unterschiedlichen Denkweisen verwendet und in einem Fragenkatalog kombiniert. Eingeordnet werden diese verschiedenen Denkmuster in zwei Gruppen: Igel und Füchse. Füchse sind dabei geistig offener, weniger dogmatisch und weniger überzeugt von ihrer eigenen Meinung. Bei Igeln ist das Gegenteil der Fall. Die tierischen Bezeichnung haben wir uns nicht selbst ausgedacht, sondern von Philip E. Tetlock übernommen (ein Psychologe und offensichtlich großer Tierfreund).


Vorhersagen einzelner Gruppen
Gruppe CDU/CSU SPD Linke Grüne FDP AfD Sonstige
Politikstudierende 38.51 24.88 8.07 8.15 8.22 8.15 4.02
Nicht-Politikstudierende 36.23 25.01 8.16 10.08 7.81 8.37 4.34
Extra informiert 38.37 24.66 8.26 8.41 7.88 8.24 4.18
Nicht extra informiert 36.22 25.12 8.07 9.97 7.91 8.45 4.26
Viel Wissen 37.96 25.12 8.22 8.27 8.19 8.13 4.11
Weniger Wissen 34.78 25.18 8.2 11.85 7.43 8.16 4.4
Viel Interesse 37.67 24.83 8.18 8.7 8.11 8.34 4.16
Weniger Interesse 34.78 25.18 8.2 11.85 7.43 8.16 4.4
Füchse 37.31 24.69 8.24 9.06 8.24 8.26 4.2
Igel 36.87 25.06 8.14 9.58 7.85 8.27 4.23
* Politisches Interesse und politisches Wissen jeweils nach Selbsteinschätzung
Tabelle 1: Selbsteinschätzung des politischen Interesses und Wissens und Information über Schätzung.

So what - lohnt sich das?

Bei einer ähnlichen Umfrage zur Landtagswahl Baden-Württemberg 2016 konnten Konstanzer Politikstudierende das Ergebnis relativ gut vorhersagen. Die Vorhersage lag im Schnitt bei allen Parteien 2,13 Prozentpunkte daneben. Einschränkend muss man aber dazu sagen, dass die Umfrage bis eine Woche vor der Wahl geöffnet war und die Stichprobe mit 246 Befragten eher klein war. Auch sonst ist das vote-expectation-modell keine komplett unbekannte Methode. Vor allem im Zweiparteiensystem der USA erzielte dieses Modell gute Ergebnisse, ohne von den Medien wirklich beachtet zu werden. Mit unserer Forschung verfolgen wir zwei Ziele. Zum einen soll der Ansatz weiter für das deutsche Wahlsystem erprobt werden. Außerdem wollen wir versuchen, bestimmte Gruppen als gute oder weniger gute Schätzer zu identifizieren, was bisher noch nicht erforscht wurde.

Ob uns dieses Vorhaben gelingt, werden wir nach dem 24. September erfahren!