Die Alternative für Deutschland (AfD) ist eine von vier Parteien, die laut Umfragen bei der Bundestagswahl drittstärkste Kraft werden können. Gerade extreme Parteien bekommen bei Wahlen jedoch oft mehr Stimmen, als es die Umfrageinstitute vorhergesagt haben. Warum ist das so? Wie stark ist die AfD in der Vergangenheit unterschätzt worden? Und welche Rückschlüsse lassen sich für die Bundestagswahl ziehen?

Warum sind Parteien wie die AfD in Umfragen unterschätzt?

Wahlforscher erklären sich den Unterschied zwischen Umfragen und tatsächlichem Ergebnis unter anderem mit einem Konzept, das sie „soziale Erwünschtheit“ nennen (Philips/Clancy 1972). Es bedeutet, dass Menschen in persönlichen oder telefonischen Umfragen ihre wahre Wahlabsicht verschweigen – weil sie wissen, dass die Unterstützung einer (rechts-)extremen Partei von der Gesellschaft abgelehnt wird und das vor dem Interviewer nicht zugeben wollen. Das gilt sowohl für Umfragen vor als auch nach der Wahl. Weil die AfD Studien zufolge von der Mehrheit der Deutschen als genau solche angesehen wird, kann das ein Grund sein dafür sein, dass die AfD oft mehr Stimmen erhält, als prognostiziert (beispielsweise Bergmann/Diermeier 2017). Die Partei steht damit auch im Kontrast zu den restlichen Parteien, deren Ergebnis – im Rahmen der statistischen Unsicherheit – regelmäßig korrekt vorhergesagt wird. Vor allem die sogenannten Exit-Polls haben sich in der Hinsicht als verlässlich erwiesen – trotz der Eindrücke von Brexit und der Trump-Wahl.

Diese soziale Erwünschtheit ist allerdings nicht der einzige Grund, weshalb extreme Parteien von Demoskopen unterschätzt werden. Vor allem Anhänger extrem rechter Parteien wie der AfD oder der NPD neigen dazu, Umfrageinstitute als Teil der politischen Elite oder der „Lügenpresse“ zu sehen. Sie nehmen deshalb an den Befragungen erst gar nicht teil. Lediglich gänzlich anonyme Online-Befragungen nähern sich der wahren Wahlabsicht am ehesten an. Andere Probleme ergeben sich daraus, dass viele Prognosemodelle auf Daten aus der Vergangenheit bauen. Gerade bei Bundestagswahlen gibt es da nur eine Wahl als Vergleich. Und letztlich hat die AfD noch immer einen gewissen Anteil an Protestwählern in ihrer Anhängerschaft. Deren Verhalten ist oft schwer vorherzusagen (Bergmann/Diermeier 2017).

Die überschätzten Rechtspopulisten der AfD

In den aktuellen Umfragen und Prognosen befindet sich die Alternative für Deutschland (AfD) knapp eine Woche vor der Bundestagswahl mitten im Kampf um Platz drei – gemeinsam mit der Linken, den Grünen und der FDP. Dass CDU/CSU die Wahlsieger sein werden und die SPD auf dem zweiten Platz landen wird, scheint ausgemacht. Die kleinen vier Parteien trennen dagegen nur wenige Prozentpunkte, häufig wechselt die Rangfolge von Tag zu Tag und von Umfrageinstitut zu Umfrageinstitut. Wer im Bundestag die Opposition anführen wird, bleibt wohl bis zum Wahltag spannend. Oder?

Klar, der Blick auf die Zahlen legt das nahe. Es gilt aber, beim Betrachten der Umfragen die vorher genannten Gründe zu berücksichtigen. Die sind auch der Grund, warum das Rennen um Platz drei schon entschieden sein könnte – und wir es nur noch nicht wissen. Ein Beispiel: Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg kam die AfD vor dem Wahltag in Umfragen auf elf Prozent – tatsächlich zog die Partei mit 15 Prozent in den Landtag ein. Vier Prozentpunkte Unterschied! Selbst in den größten Konfidenzintervallen dürfte dieser Ausschlag eher nicht vorgesehen gewesen sein. Dasselbe Bild zeigte sich bei den meisten Wahlen, bei denen die AfD bisher angetreten ist. Ausnahmen waren bei den Vorwahlbefragungen nur die Europaparlamentswahl und die Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern – bei den letzteren beiden wurde die Partei sogar überschätzt. Schaubild 1 zeigt für die vergangenen zwölf Wahlen die Abweichung der beiden großen Umfrageinstitute Infratest Dimap und Forschungsgruppe Wahlen zwischen Wahl- und Umfrageergebnis in Prozentpunkten.


Abbildung 1: Differenz zwischen tatsächlichem Ergebnis der AfD und der letzten Vorwahlbefragung von Infratest Dimap und der Forschungsgr. Wahlen.

Das Schaubild zeigt zweierlei. Erstens: Bis zu den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern 2016 – und einem Infratest-Ausreißer 2014 in Sachsen – wurde die AfD in Vorwahlbefragungen tatsächlich stets unterschätzt. Schaut man auf die Prozentpunkte, war die Abweichung zum Teil beträchtlich. Wenn wir vor der Bundestagswahl 2017 also die letzten Umfragen anschauen, sollten wir das im Hinterkopf haben. Zweitens: Häufig sind sich die Institute – bei allen methodischen Unterschieden – relativ einig, manchmal bis auf die Nachkommastelle genau. Schaubild 2 zeigt dieselbe Auswertung für sogenannte Exit-Polls – Befragungen, die repräsentativ direkt vor den Wahllokalen durchgeführt werden und die Basis für die erste 18-Uhr-Hochrechnung bilden.


Abbildung 1: Differenz zwischen tatsächlichem Ergebnis der AfD und der ersten Nachwahlbefragung (18 Uhr) von Infratest Dimap und der Forschungsgr. Wahlen.

Hier zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Unterschätzungen sind weniger häufig und weniger stark. Auch die Überschätzungen sind im Ausschlag geringer als bei den Vorwahlbefragungen. Trotzdem bewegen sie sich teilweise – vor allem im letzten Jahr – bei zwischen 1,5 und fast 3 Prozent. Legt man diese präziseren Erhebungen zugrunde, ist das immer noch genug, um das Rennen um Platz drei zu gewinnen – und zwar ohne dass es zum jetzigen Zeitpunkt jemand weiß.

Die Probleme, die die sozialen Erwünschtheitseffekte mit sich bringen, beeinflussen also vor allem Stimmungsbilder wie beispielsweise die Sonntagsfrage. Damit verbunden werden aber auch die Prognosen der Wahlforscher in Mitleidenschaft gezogen – deren Modelle beruhen in der Regel mindestens teilweise auf aktuellen Umfragen. Hinzu kommt, dass die AfD seit ihrer Gründung und vor allem in den vergangenen zwei Jahren immer weiter nach rechts gerückt ist (Bergmann/Diermeier 2017). Es wäre daher nur naheliegend, dass immer mehr AfD-Anhänger die entsprechende soziale Norm wahrnehmen und sich die Unehrlichkeit in den Umfragen weiter verschärft. Für die Bundestagswahl könnte das eben genau bedeuten, dass das Rennen um Platz drei womöglich schon ausgemacht ist – mit der AfD als Siegerin. In der Prognose von zweitstimme.org hat die AfD momentan übrigens jetzt schon die größte Wahrscheinlichkeit, auf Platz drei zu landen.


Quellen

Bergmann, Knut/Matthias Diermeier. 2017. „Die AfD: Eine unterschätzte Partei. Soziale Erwünschtheit als Erklärung für fehlerhafte Prognosen.“ IW-Report No. 7/2017, Cologne Institute for Economic Research (IW).

Philips, Derek/Kevin Clancy. 1972. “Some Effects of ‘Social Desirability’ in Survey Studies.” American Journal of Sociology 77 (5): 921-940.

Die Daten wurden der Seite wahlrecht.de entnommen.