Bitte stell dich unseren BlogleserInnen kurz vor: Wer bist du und was muss man über dich wissen?

Ich bin Assistenzprofessorin für Internationale Beziehungen an der Universität Zürich. Außerdem arbeite ich als Beraterin für die Human Rights Data Analysis Group. Der Fokus meiner Forschung liegt im Bereich der quantitativen Menschenrechtsforschung. Besonders interessiert mich hier das Zusammenspiel zwischen digitalen Kontrollmechanismen (wie z.B. Internetzensur und digitale Überwachung) und politischer Gewalt, sowie die Frage, wie man Gewalt eigentlich am besten misst.

Das Ziel von CorrelAid ist es, junge und sozial engagierte DatenanalystInnen deutschlandweit zu vernetzen und Non-Profit-Organisationen bei der Datenanalyse zu unterstützen. Wo siehst du in deinem Berufsfeld mögliche Potenziale - und etwaige Synergieeffekte - dieser aufkommenden Data for Good-Bewegung, um einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen?

Ich sehe eine enorme Veränderung im Menschenrechtsbereich. Als ich vor 9 Jahren angefangen habe, mich mit der Quantifizierung von Menschenrechtsverletzungen zu beschäftigen, war das Interesse an Daten, Visualisierungen und Gütekriterien für gute Messungen in der Community noch relativ gering. Das steigende Interesse an Daten und rigorosen Analysen in diesem Bereich ist natürlich toll! Ich denke, dass gut ausgebildete Analyst*innen, die nicht nur etwas von Statistik und Programmieren, sondern auch von sozialwissenschaftlichen Konzepten und Herausforderungen verstehen, heute mehr denn je gefragt sind, und auch dringend gebraucht werden.

Eine weitere positive Entwicklung ist auch eine zunehmende „data literacy“. Wenn ich heute mit Journalist*innen oder Menschen, die im Bereich Menschenrechte arbeiten, spreche, werden mir viel mehr Nachfragen gestellt: Was sagen uns die Daten genau? Was bedeuten „missing values“? Wie sieht die statistische Unsicherheit aus? Ich glaube, dass man hier sieht, dass Daten zunehmend gefragter sind - nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im öffentlichen Diskurs. Wir sprechen zwar die ganze Zeit vom „postfaktischen Zeitalter“, aber wann hat es in Zeitungen, Blogs und im Fernsehen jemals so viele Daten, Karten und Grafiken zu sehen gegeben?

Bei all diesen positiven Entwicklungen sehe ich den Druck, den kleinere Non-Profits jetzt spüren, die traditionell nicht mit Daten gearbeitet haben, aber durchaus auch kritisch. Nicht jedes Thema lässt sich gleich gut mit Daten erfassen. Vor allem im Menschenrechtsbereich kannblinder Aktionismus in diesem Bereich auch Schaden anrichten. Aus diesem Grund finde ich die Maxime des responsible data collection and analysis ganz besonders wichtig. Wofür sammle ich diese Daten, habe ich das Einverständnis der Beteiligten, und wer könnte meine Daten potentiell für andere Zwecke missbrauchen? Was ist der worst case scenario, und wie kann ich diesen verhindern? Wir kommen an diesen Fragen heute einfach nicht mehr vorbei.

Dank Digitalisierung nimmt auch die Bedeutung von digitaler Kommunikation in der Arbeitswelt immer stärker zu. Welchen Social Media-Kanälen (Blogs, Twitter-Accounts und/oder Facebook-Seiten) sollte man in Ihrem Fachgebiet auf jeden Fall folgen, um inhaltlich auf dem Laufenden zu bleiben?

Das Management-Magazin Harvard Business Review bezeichnete den Beruf des Data Scientist bereits 2012 als sexiest job in the 21st century. Welchen Stellenwert nehmen DatenanalystInnen heutzutage in deinem Berufsfeld ein und wie sieht deine Prognose für die Zukunft aus?

Für die Schnittstelle zwischen Forschung und Menschrechtsaktivismus kann man sagen: Datenanalyst*innen nehmen einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Das ist zum einen eine tolle Entwicklung. Politische Gewalt, Verletzungen der Menschenwürde, Flucht und Vertreibung, das sind alles Themen, die hohe Emotionen hervorrufen, und im öffentlichen Diskurs deshalb häufig für andere (z.B. populistische) Zwecke missbraucht werden. Hier können gute Analysen uns helfen, Muster zu verstehen und wichtige Zusammenhänge zu begreifen. Als Beispiel: Allgemein wird angenommen, dass in Demokratien Menschenrechte besser geschützt sind als andere Regierungsformen. Neue Studien zur Nutzung von Foltermethoden belegen aber, dass der Zusammenhang komplizierter ist: auch Demokratien machen von Folter Gebrauch, ihre Institutionen bestimmen jedoch, wie sehr sie versuchen, dies zu verheimlichen.

Inwiefern Datenanalyst*innen jedoch einen positiven Beitrag in diesem Bereich leisten, wird stark davon abhängen, ob wir den Spagat zwischen technischen Fähigkeiten und verantwortungsvollem Umgang mit Daten und Analysemöglichkeiten schaffen. Nur weil es bald technisch möglich sein könnte, mit Hilfe von Gesichtserkennungssoftware halb vermummte Gesichter bei Protesten zu identifizieren, heißt das noch lange nicht, dass wir solche Projekte gutheißen müssen, bzw. solche Daten sammeln und auswerten sollten. Menschenrechtler*innen begegnen solchen Projekten (zu Recht) mit großer Skepsis. Datenanalyst*innen, die in diesem Bereich arbeiten, müssen sich deshalb kritisch mit der Frage befassen, ob neue Projekte, die potentiell innovative oder aufregende Analysen mit sich bringen, vielleicht mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen.

Zusammen mit drei deiner Kolleginnen von der Universität Zürich hast du im August eine Summer School speziell für Frauen im Methodenbereich organisiert. Was war die Idee dahinter und welche Ziele verfolgst du mit diesem Projekt?

Die Summer School war ein Pilotprojekt – wir wollten zum einen Frauen* in den quantitativen Sozialwissenschaften dazu ermutigen, datenintensive Verfahren und Methoden zu erlernen, zum anderen aber auch einen Raum zu schaffen, in dem sie sich untereinander austauschen und netzwerken konnten.

Wir haben im Mai einen Grant von der Universität Zürich bekommen, um dieses Projekt umzusetzen, und daraufhin recht kurzfristig die Ausschreibung veröffentlicht. Es haben sich dann fast 300 Bewerber*innen bei uns gemeldet - da waren wir alle total überwältigt. Die Nachfrage nach diesem Format scheint also unter jungen Frauen*, die mit fortgeschrittenen Methoden in den Sozialwissenschaften arbeiten, enorm zu sein. Wir haben deshalb fest vor, die Summer School im nächsten Jahr zu wiederholen. Langfristig hoffen wir, mit dem Projekt zur Schließung des Gender Gaps in diesem Bereich beizutragen, und die Community innerhalb Europas stärker zu vernetzen und sichtbarer zu machen.