Unter dem Motto “#BTW2017inData” veröffentlichen wir im CorrelAid-Blog im August und September Perspektiven auf die Bundestagswahl aus der Wissenschaft. Ein erster Beitrag von Marc Debus, Professor für Vergleichende Regierungslehre an der Universität Mannheim, zu Koalitionsszenarien nach der Wahl ist bereits online. In der Wissenschaft spielen Daten naturgemäß eine wichtige Rolle, wie auch die Beiträge unserer GastautorInnen deutlich machen werden. Aber auch in den Medien und der Zivilgesellschaft spielen Daten eine größer werdende Rolle. In diesem und weiteren Beiträgen möchte ich einige dieser datengetriebenen Projekte zur Bundestagswahl vorstellen. Der Fokus liegt in diesem Beitrag auf der Berichterstattung über Wahlumfragen.

Umfragen spielen seit jeher eine zentrale Rolle in der Wahlberichterstattung. Sie liefern im Vorfeld einer Wahl ein Bild der politischen Stimmung im Lande und waren damit lange Zeit auch die einzige Annäherung an eine Prognose der tatsächlichen Wahlergebnisses. Jedoch sind und waren Umfragen vor der Wahl nur eine Momentaufnahme der aktuellen politischen Stimmung und damit eben keine Prognose des Wahlausgangs. Das größte Problem an der Berichterstattung von Umfragen sind aus meiner Sicht, dass ihre Genauigkeit überschätzt wird und sie zu oft als Prognosen des Wahlausgangs missverstanden werden.

Umfrage stellen einen mit Unsicherheit behafteten Schätzwert der tatsächlichen Stimmung in der Bevölkerung dar. Ein Teil dieser Unsicherheit lässt sich relativ einfach quantifizieren. Trotzdem wird dies selten berichtet. Zum anderen gibt es eine Vielzahl an systematischen Verzerrungen, die weitaus schwieriger zu quantifizieren und erst recht zu korrigieren sind. So können in Zeiten des Smartphones viele Haushalte nicht mehr über das zufällige Anwählen von Festnetznummern erreicht werden. Weiterhin hat die Bereitschaft von BürgerInnen an Befragungen teilzunehmen rapide abgenommen. Das heißt, die Teilnehmenden an einer Umfrage sind nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung: beispielsweise sind ältere und gebildetere Menschen in Umfragen überrepräsentiert. Die, die teilnehmen, geben nicht notwendigerweise verlässlich Auskunft, viele Bürgerinnen wissen noch nicht, ob sie zur Wahl gehen und wen sie wählen werden. Manche lügen auch: weil es sozial erwünscht ist wählen zu gehen oder, weil man nicht zugeben will, eine extremistische Partei gewählt zu haben. Um diesen systematischen Verzerrungen entgegenzuwirken gewichten die Meinungsforschungsinstitute ihre Rohdaten, wenn Sie die Parteiwerte für die Sonntagsfrage berechnen. Wie genau sie das machen bleibt das Geschäftsgeheimnis der Institute. Bekannt ist, dass sich durch methodische Unterschiede systematische Unterschiede zwischen den Instituten ergeben. Besonders bekannt ist die Tendenz, dass die SPD bei Forsa in der Tendenz schlechter abschneidet als bei den anderen Instituten. Für 2013 hat das einmal der Datenjournalist Gregor Aisch visuell ansprechend dokumentiert.

Zahlreiche Akteure aus dem Journalismus, der Wissenschaft und auch der Politikberatung suchen deshalb nach neuen Wegen, Umfragen zu berichten. Die hier vorgestellten Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Defizite der bisher dominanten Berichterstattung einzelner Umfragen auf verschiedene Weise beheben wollen - sei es dadurch, dass mehrere Umfragen zusammengefasst werden oder die in Umfragen inhärente Unsicherheit auf neue Art und Weise kommuniziert wird.

Signal und Rauschen

Signal und Rauschen ist ein Projekt der Journalisten Dominik Wurnig, freier (Daten-)Journalist für rbb|24 und Krautreporter in Berlin, und Christian Fahrenbach, Journalist, Dozent und Berater in New York. Auf ihrer Website stellen sie ein wöchentliches Mittel aller Umfragen, ein tagesaktuelles gewichtetes Mittel und tatsächlich eine echte Prognose, die Umfragewerte mit einem Prognosemodell kombiniert, dar. Wie auch viele andere Projekte in dieser Übersicht beziehen sie die Umfrageergebnisse von wahlrecht.de. Diese Website ist immer noch die Quelle schlechthin für Umfragenwerte in Deutschland, auch wenn die Website an das Internet der frühen 2000er erinnert. Signal und Rauschen berichten wöchentlich über die neuesten Umfragen und politischen Ereignisse. Im Magazin-Teil berichten sie außerdem hintergründig über Wahlumfragen, das Geschäft dahinter und ihre Bedeutung in der Politik. Disclaimer: Ich unterstütze Signal und Rauschen bei der Umfragenaggregation und Prognose.

Süddeutsche Zeitung

Die Süddeutsche Zeitung will im Wahljahr 2017 neue Wege gehen, wie sie über Umfragen berichtet. Wie sie das tun will beschreibt sie hier und hier findet sich ein Beispiel dieser neuen Berichterstattung. Zum einen berechnet die Zeitung den Mittelwert der neuesten Umfragewerte der größten sieben Institute, dabei werden Umfragen nach der Zahl der Befragten gewichtet. Um die in Umfragen inhärente Unsicherheit darzustellen gibt die Zeitung nicht den Mittelwert, sondern die Schwankungsbreite des Mittelwerts an und visualisiert dies entsprechend. Bei zwei Umfragen für eine Partei, die nur 1-2 Prozentpunkte auseinander liegen kann man nie mit Sicherheit sagen, ob die in den Umfragen vorne liegende Partei tatsächlich auch in der Gunst aller WählerInnen vorne liegt. Durch die Visualisierung der Schwankungsbreiten bei der SZ wird dies deutlicher. Wie die Zeitung die Umfragen zusammenfasst kann jedeR LeserIn nachvollziehen, denn der Code wurde auf GitHub veröffentlicht.

Neue Zürcher Zeitung

Auch die Neue Zürcher Zeitung blickt gespannt auf die Wahl in Deutschland und bietet dazu eine eigene Aggregation der aktuellen Wahlumfragen an. Anders als die anderen Angeboten berechnet sie kein arithmethisches Mittel, sondern berichtet den Median der aktuellen Umfragen und stellt diese in einer interaktiven Grafik dar. Die NZZ addiert außerdem die Stimmanteile der Parteien für verschiedene Koalitionskonstellationen. Die Methodik wird umfassend und transparent, auch unter Bezug auf wissenschaftliche Studien, dargestellt. Den aktuellen Stand von letzter Woche kann man sich hier anschauen.

Financial Times

Die internationale Bedeutung der Bundestagswahl zeigt sich auch dadurch, dass die internationale Zeitung Financial Times einen German election 2017 polltracker auf ihrer Website geschaltet hat. Anders als bei den zuvor genannten Angeboten wird die Methodik nicht genauer erläutert. Zusätzlich zu den Umfragewerten berechnet die Financial Times auch die möglichen Sitzanteile verschiedener Koalitionen und erläutert für eine internationale LeserInnenschaft das deutsche Wahlsystem.

Morgenpost

Das Interaktiv-Team der Berliner Morgenpost hat bisher kein ständiges Angebot zur Bundestagswahl, hat aber in der Vergangenheit schon einige interessante Analysen und interaktive Visualisierungen zu Umfragen und Wahlen produziert. Zuletzt zeigten sie anschaulich wie die Koalitionspartner der CDU/CSU unter Merkel systematisch über die Zeit an Zustimmung verloren. Sehr sehens- und lesenswert ist auch die Auswertung aller Bundestagswahlen auf Gemeindeebene seit 1990, mit der die Morgenpost zeigt, wann und wo rechte Parteien erfolgreich waren, ebenso wie ihre Darstellung, wo sich die Hochburgen der Parteien finden. In den nächsten Wochen ist sicher mit weiteren spannenden Projekten von Morgenpost Interaktiv zu rechnen.

Zweitstimme.org

Für Zweitstimme.org hat ein Team von Wissenschaftlern ein eigenes Prognosemodell entwickelt, das tagesaktuell mittels eines bayesianischen Verfahren mit den aktuellsten Umfragewerten kombiniert wird. Neben einer Prognose für die Parteien können sie so auch Wahrscheinlichkeiten für die verschiedenen Koalitionmsöglichkeiten berechnen. Letztere werden sehr anschaulich mit der Wahrscheinlichkeit von Ereignissen beim Würfelspiel oder Fußball kontextualisiert. Zweitstimme.org ist ein Projekt der Politikwissenschaftler Thomas Gschwend, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mannheim, Simon Munzert, Postdoc an der Humboldt-Universität zu Berlin, Lukas Stötzer, Postdoc an der Universität Zürich, Sebastian Sternberg und Marcel Neunhöffer, beide Wissenchaftliche Mitarbeiter an der Universität Mannheim. Disclaimer: Simon Munzert ist Mitglied im Beirat von CorrelAid.

Pollyvote

Mit dem Pollyvote präsentiert Andreas Graefe bereits seit der Bundestagswahl 2013, für die US-Präsidentschaftswahlen schon seit 2004, ein simples, aber jedoch nicht minder effektives Verfahren: er berechnet das arithmetische Mittel aller verfügbaren "Prognosen". Das sind Wahlumfragen, Prognosemärkte, wissenschaftliche Prognosemodelle und ExpertInnenurteile. Für letztere bittet Graefe einen Vielzahl an ExpertInnen um ihren Tipp, wie die Bundestagswahl ausgehen wird. Neben der Pollyvote-Prognose werden auf der Website jeweils auch die einzelnen Komponenten (Wahlumfragen, Prognosemärkte, wissenschaftliche Prognosemodelle, ExpertInnenurteile) vorgestellt.

Die Beschreibung des INWT Modells habe ich am 16.08.2017 ergänzt. Vielen Dank an Julia Schneider für den Hinweis.

Pollytix Wahltrend

Kein journalistisches Angebot, aber in diesem Kontext dennoch erwähnenswert ist der pollytix Wahltrend, welcher von der Politikberatungsfirma pollytix erstellt wird. Der Wahltrend ist ein tagesaktuelles gewichtetes Mittel aller Bundestagswahlumfragen der letzten zwanzig Tage und neben dem FT Poll Tracker das einzige auf Englisch verfügbare Angebot. Außerdem gibt es noch einen Koalitionsrechner. Die Methodik hinter beiden wird von pollytix ausführlich erläutert.

INWT

Eine weiteres Angebot aus der Welt der Beratung kommt von Marcus Groß, der bei der Beratungsfirma INWT Statistics arbeitet. Das Modell basiert auf den Umfragewerten der auf wahlrecht.de gelisteten Meinungsforschungsinstitute und extrapoliert diese in Zukunft. Wie genau das passiert wird nicht näher erläutert. Außerdem liefert Groß eine ansprechende Visualisierung der Prognose und berechnet auch die Wahrscheinlichkeiten verschiedener Koalitionsoptionen.

Die Beschreibung des INWT Modells habe ich am 16.08.2017 ergänzt. Vielen Dank an Julia Schneider für den Hinweis.

Tagesspiegel

Der Tagesspiegel hat zur Bundestagswahl eine eigene Themenseite online geschaltet. Dort findet sich prominent eine Visualisierung der aktuellen Umfragen. Optisch ist die Darstellungsweise vielen anderen hier vorgestellten Ansätzen ähnlich, die Visualisierung des Tagesspiegels weist aber einige interessante zusätzliche Features auf. So kann man in der Grafik die Umfragewerte einzelner Institute gezielt hevorheben. Einige der oben angesprochenen institutsspezifischen Biases lassen sich auf diesem Weg identifizieren. Darüber hinaus greift der Tagesspiegel, anders als andere, nicht bloß auf die Daten von wahlrecht.de zurück, sondern stellt zusätzlich die Umfragewerte von Civey dar. Civey ist ein neues Meinungsforschngsinstitut, das Umfragen ausschließlich online durchführt und an diesen alle teilnehmen lässt. Mittels demographischen Gewichten will Civey trotzdem repräsentative Ergebnisse liefern. Der Tagesspiegel bietet außerdem eine sehr ansprechend visualisierte interaktive Karte aller Bundestagswahlergebnisse seit 1990 auf Gemeindeebene. Etwas bizarr ist nur, dass ausgerechnet die Hauptstadtzeitung für Berlin nur das Landesergebnis, nicht aber die Ergebnisse in den Bezirken, ausweist. Weiterhin gibt es eine KandidatInnendatenbank, mittels derer man herausfinden kann, wer die KandidatInnen im eigenen Wahlkreis sind. Dazu muss man lediglich seine PLZ eingeben.

Die Beschreibung der Tagesspiegel Themenseite habe ich am 25.08.2017 ergänzt.

The Times

Auch die britische Zeitung The Times hat nun ein "Poll of the Polls" auf ihrer Website. Dieses wird seit letztem Wochenende in aktuelle Artikel zur Bundestagswahl eingebunden. Um den Artikel komplett lesen zu können muss man sich leider erst mit Name und E-Mail-Adresse registrieren. Das ist jedoch kostenlos und gibt einem Zugang zu zwei Artikeln pro Woche. Die Methodologie beschreiben sie hier (leider auch gated). Disclaimer: Das "Poll of the polls" der Times basiert auf dem Scraper für wahlrecht.de, den ich für Signal und Rauschen geschrieben habe - daher steht mein Name auch in der Methodology Note auf der Times-Website. Den Scraper gibt es bei GitHub.

Die Beschreibung der Times Poll of the Polls habe ich am 04.09.2017 ergänzt.

Kennt ihr auch spannende datenbasierte Projekte zur Bundestagswahl? Dann schreibt , damit ich sie im nächsten Überblick berücksichtigen kann.